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„blues in schwarz weiß“

„Rassismus in Deutschland? Gibt es doch gar nicht. In den USA vielleicht, aber hier in Deutschland nicht.“ Diese Aussage hörte May Ayim in den 80er Jahren von ihrem Professor als sie ankündigte, ihre Diplomarbeit in Pädagogik über die Geschichte von Schwarzen Deutschen zu schreiben.

May Ayim ist afro-deutsche Dichterin, Pädagogin, Logopädin und Aktivistin. Dass der Professor ihr Thema ablehnte, zeigt einmal mehr die Unauffälligkeit von Rassismus für Menschen, die nicht davon betroffen sind, für Weiße. Als Schwarze Frau in Deutschland wird May Ayim von ihrer weißen Umwelt permanent der angebliche „Widerspruch zwischen einer dunklen Hautfarbe und einem deutschen Pass“ (Ayim, M. (1984)) vor Augen geführt. Alltagsrassismus in Form von Exotisierung und Entfremdung in der eigenen Heimat prägen Ayims Leben.

Als Dichterin und Sprachtherapeutin ist May Ayim mit der Vielschichtigkeit von Sprache vertraut. Sie weiß auch um die Gewalt, die sich in und über Sprache manifestiert. In ihren Gedichten entlarvt sie den Rassismus in Deutschland – wie beispielsweise in ihrem Gedicht „exotik“:

nachdem sie mich erst anschwärzten

zogen sie mich dann durch den kakao

um mir schließlich weiß machen zu wollen

es sei vollkommen unangebracht

-schwarz zu sehen

Ayim, M. (1985): „exotik“. In: „Blues in Schwarz Weiss“. Berlin. Orlanda Verlag

Ihre Gedichte bewegen viele Menschen. Ayims politische Arbeit vereint Schwarze feministische Gesellschaftskritik und die Vision von Solidarität.

1985/ 86 gründete sie gemeinsam mit anderen Afrodeutschen die bundesweite Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) – zur selben Zeit, in der auch in Berlin die Generation ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland entstand. Beide Vereine sind stark von May Ayim geprägt, von ihren Gedichten und ihrer Diplomarbeit, die sie schließlich in dem Buch „Farbe bekennen“ veröffentlichte. 2004 wurde der erste Schwarze Deutsche Internationale Literaturpreis nach der Künstlerin und Aktivistin benannt. 2010 wurde das „Gröbenufer“ in Berlin, das an einen Kolonialexpeditionsleiter erinnerte, in „May Ayim Ufer“ umbenannt – in Gedenken an eine Antirassismusaktivistin, die bereits 1993 Straßennamen anprangerte, die immer noch Kolonialisten in ihren Kolonialverbrechen verherrlichen.

Doch wieso wissen wir so wenig über May Ayim? Weshalb wurde die Straßenumbenennung in Berlin Kreuzberg kontrovers diskutiert und aus welchem Grund gibt es auch noch heute Kritik an May Ayims Werken – wie in den 80ern bei ihrem Professor für Pädagogik? Weil es schwer ist, für den weißen deutschen Mainstream, die Definitionsmacht abzugeben.

Es sind viele Schritte nötig auf einem unaufhaltsamen Weg, den May Ayim selbst wie folgt beschrieb:

ich werde trotzdem afrikanisch sein

auch wenn ihr mich gerne deutsch haben wollt

und werde trotzdem deutsch sein

auch wenn euch meine schwärze nicht passt

ich werde noch einen schritt weitergehen

bis an den äußersten rand

wo meine schwestern sind – wo meine brüder stehen

wo unsere FREIHEIT beginnt

ich werde noch einen schritt weitergehen und noch einen schritt weiter

und wiederkehren wann ich will

wenn ich will

grenzenlos und unverschämt bleiben.

Ayim, M. (1995): „grenzenlos und unverschämt. Ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit.“

 

Den Bericht verfasste Anna-Lena Kahmann Leiterin des Projektes „Integration Konkret “ im Salesianum München

Quellen:

Ayim, May; Oguntoye, Katharina; Schultz, Dagmar (2016): Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte. 4. Auflage. Berlin. Orlanda Frauenverlag.

Ayim, M. (1995): „grenzenlos und unverschämt. Ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit.“ In: Ayim, M. (1995): Blues in schwarz weiss. Berlin. Orlanda Frauenverlag.

May Ayim (1985): „exotik“. In: Ayim, M. (1995): blues in schwarz weiss“. Berlin. Orlanda Frauenverlag.

http://www.berlin-postkolonial.de/cms/index.php/component/content/article?id=18

 

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